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UBI BENE Juni.2008 – Kunstsinn, Mardo

Das Puzzle-Stück im großen Ganzen
Die virtuelle Galerie des Fotografen Thommy Mardo

Es ist ein Satz des großen Fotografen Herb Ritts, der Thommy Mardo inspiriert hat. Er handelt davon, was man tun und was man lassen sollte als Fotograf, und worauf es ankommt, wenn man einer der Besten werden will. „Halte dich nicht zu lange mit den handwerklichen, mit den technischen Aspekten der Fotografie auf“, heißt der Satz sinngemäß, „sondern mach dich auf die Suche nach dem Motiv, das dich emotional berührt.“ Thommy Mardo hat sich auf die Suche gemacht und er findet immer neue Motive in der Welt der Werbung, der Kunst und der Mode – am liebsten aber in seiner Heimatstadt. Der Sohn Mannheims hat die Söhne Mannheims in einem Bildband verewigt und der Herz-Jesu-Kirche zum 100. Geburtstag eine fotografische Liebeserklärung gemacht, aber sein neuestes Projekt weist weit über die Quadrate hinaus: Gerade eröffnete er die erste virtuelle Galerie der Metropolregion Rhein-Neckar – im Internet.

Die Fassade der Augarten-Straße 40 in der Schwetzinger Vorstadt lässt noch erahnen, dass hier früher einmal das Rex-Kino war. Doch der alte Schaukasten kündigt längst keine bewegten Bilder mehr an. Er zeigt jede Menge Fotos –Arbeiten des Mannheimer Fotografen Thommy Mardo, der hier vor zwei Jahren sein „Atelier 40“ eingerichtet hat. Hinter der weit geöffneten Eingangstür empfängt den Besucher diffuses Licht, ein paar Studiolampen werfen einzelne Spots in den riesigen Raum. Von der gegenüberliegenden Wand schauen zwei große Augen aus einem mehrere Meter hohen Schwarz-Weiß-Portrait. Niemand da? „Hier bin ich“, ruft es von ziemlich weit oben. Thommy Mardo steht auf einer Leiter und puzzelt. Aus über 100 A4-großen Blättern, die er Stück für Stück und Reihe für Reihe an die Wand leimt, soll ein weiteres überlebensgroßes Bild entstehen – „ein Versuch“, sagt er, nachdem er die Leiter heruntergeklettert ist. Und schon ist er mitten im Erzählen: Wie die vielen kleinen Bruchstücke sich zusammenfügen sollen, damit sie dem Raum einen Blickfang und dem Betrachter die Illusion geben, er betrachte ein großes Ganzes.

Auf der Suche nach dem berührenden Motiv

Auch Thommy Mardos Karriere hat sich wie ein Puzzle allmählich zusammengesetzt. Geboren und aufgewachsen in Mannheim, hat der Enkel des früheren Gemeinderats Walter Pahl zunächst Bankkaufmann und Finanzassistent gelernt, als Projektmanager aber bald gemerkt, „dass ich das nicht mein ganzes Leben lang machen will.“ Stattdessen hat der heute 36-jährige seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die kaufmännische Ausbildung helfe ihm bei der Vermarktung seiner Kunst, daraus macht er keinen Hehl. Die Technik lernte er beim Mannheimer Fotografen Michael Maier, doch im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Kreativität, die Suche nach dem berührenden Motiv – da folgt er treu dem Ratschlag des großen Meisters Herb Ritts.

Ein Bildband entspringt einer Laune der Natur

Menschen portraitiert er am liebsten. Die Söhne Mannheims lassen ihn und seine Objektive in die hintersten Winkel ihrer Kulissen blicken – entstanden ist daraus 2006 der ebenso spannende wie erfolgreiche Bildband „Mitten unter euch“. Doch hin und wieder entspringen Ideen auch Zufällen, Launen der Natur oder glücklichen Fügungen. „Ich kann von meiner Wohnung in der Neckarstadt aus die Herz-Jesu-Kirche sehen, und einmal war da ein unglaublicher Himmel“, schildert er einen dieser Momente. Einen Abzug des Fotos warf er bei Pfarrer Gabriel M. Maiwald in den Briefkasten – und erhielt postwendend das Angebot, der Kirche zu ihrem 100. Geburtstag ein fotografisches Denkmal zu setzen. Der detailreiche Bildband mit Texten, Versen und Gedichten ist gerade erschienen.

Neckarstadt, Quadrate, Kultur und Multi-Kulti-Atmosphäre: Zwischen diesen Achsen arbeitet Thommy Mardo am liebsten, und mit einem Augenzwinkern behauptet er, dass sein Puls sich jedes Mal beschleunigt, wenn er nachhause, nach Mannheim, zurückkehrt. Da seine streng limitierten Arbeiten aber längst überregionale Bekanntheit erlangt haben, präsentiert er sie nun auch im Internet in einer virtuellen Galerie. Doch auch hier sind die Fotografien nur ein Puzzle-Teil im großen Ganzen: Thommy Mardo hat sie in Wohnlandschaften hineinmontiert – als Blickfang im Raum und Illusion für den Betrachter. Wir haben uns mit ihm über dieses neue Konzept unterhalten.

Herr Mardo, wie ist die Idee der virtuellen Galerie entstanden?
Thommy Mardo: Salopp gesagt: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen.

Aha. Und der Berg sind Sie?
T.M.: Ich auch. Aber vor allem meine Bilder. Ich habe seit längerem überlegt, wie man sie auch für Menschen präsentieren könnte, die keine Zeit oder Möglichkeit haben, in mein Atelier oder in eine Galerie zu kommen. Mit der virtuellen Galerie im Internet sind sie zu jeder Zeit und von jedem Ort und immer wieder abrufbar.

Einfach Ihre Fotografien ins Netz zu stellen, hat Ihnen aber nicht gereicht...
T.M.: Nein. Bilder entfalten ja eine Wirkung im Raum. Sie korrespondieren mit den baulichen Gegebenheiten, mit dem Licht, den Farben, der Einrichtung. Deshalb habe ich meine Fotografien in Fotos von fertig gestalteten und eingerichteten Räumen montiert.

Der Vorteil?
T.M.: Bislang erforderte es viel Vorstellungskraft bei meinen Kunden, sich ein Bild in einen fertigen Raum zu denken. Es sei denn, man konnte es probeweise aufhängen. Durch die digitale Montage kann man es in jede beliebige Umgebung einpassen. Außerdem kann man so auch gleich die Wirkung verschiedener Drucktechniken und Materialien vergleichen. Ein Bild wirkt unterschiedlich, wenn es auf Leinwand aufgezogen, auf Folie gedruckt, oder in einen Leuchtstoffrahmen gespannt wird.

Wie lange hat die Umsetzung Ihrer Idee gedauert?
T.M.: Von der Idee bis zum Internetauftritt sieben bis acht Monate. Aber wir sind ja noch längst nicht fertig. Das Projekt soll wachsen, es gibt noch viele Möglichkeiten.

Welche zum Beispiel?
T.M.: Einen virtuellen Rundgang einzurichten. Außerdem möchte ich weitere Künstler mit ins Boot holen.

Derzeit zeigen neben Ihnen die beiden Grafiker Martin Grothmaak und Götz Gramlich ihre Arbeiten...
T.M.:...und der eine oder andere Maler soll noch folgen.

Mit dieser Montagetechnik haben Sie nebenbei neue Kunstwerke geschaffen.
T.M.: Das stand zunächst gar nicht im Vordergrund. Aber es ist ein sehr schöner Nebeneffekt.

Text und Interview: Ute Maag